Gedanken zum Schulanfang von Ute Sauerbrey

Gedanken zum Schulanfang von Ute Sauerbrey

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Gedanken zum Schulanfang von Ute Sauerbrey

Es ist wieder soweit: Im Supermarkt, in der Drogerie, im Einkaufszentrum versperren mir „Sonderverkaufsflächen“ mit Schulheften, Collegeblöcken und Tuschkästen den Weg. Seit 2006 bin ich Jahr für Jahr mit einer wachsenden Zahl von Schulkindern durch die Geschäfte gelaufen, in der Hand die detaillierten Wunschlisten ihrer zukünftigen Lehrer*innen (Ordner in 7 verschiedenen Farben, natürlich Pappe, nicht Plastik, Bleifstifte mit exakt der richtigen HB-Zahl, Hefte mit einer ganz bestimmten Lineatur). 2026 Jahr hab ich nur noch ein Schulkind, und das ist gerade im Ausland - so bleibt mir dieses stressige Einkaufserlebnis einmal erspart.

Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich im Vorbeigehen ein Heft in die Hand nehme und durch die frischen, leeren Seiten blättere.

Denn ich weiß noch sehr gut, wie aufregend ich das in meinen ersten Schuljahren fand: am ersten Schultag zum ersten Mal wieder den vertrauten Weg zu gehen, der ein bisschen fremd geworden war, die Schultasche voll neuer Hefte, leerer Ordner.

Aber der Zauber dieses Neuanfangs hielt nie besonders lange. Die Hefte waren zwar leer, aber Lehrer und Schüler waren einander keine unbeschriebenen Blätter – die Vorlieben und Abneigungen, die Rolle des „Klassenclowns“, des*der Streber*in, die Rolle des*der Schüler*in, dem*der niemand besonders viel zutraut - die war niemand losgeworden in den großen Ferien. Das Alte war eben doch hinübergekommen ins Neue. Den voraussetzungslosen Neuanfang gibt es nicht im Leben, das war in jedem Schuljahr die erste Lektion, die sich nach ein paar Wochen richtig gesetzt hatte. Und sobald ich sie begriffen hatte, waren auch all die guten Vorsätze dahin, mit denen ich am ersten Tag losmarschiert war, und von Jahr zu Jahr wurde die Vorfreude auf den Neuanfang mit lauter angespitzten Bleistiften in der Schultasche geringer.

Die Sehnsucht, immer wieder richtig neu anzufangen, hat mich trotzdem nie ganz verlassen.  Obwohl ich längst weiß, dass der Mensch sich nicht selbst, aus eigener Kraft neu erschaffen kann. Dass ich an meinen guten Vorsätzen immer wieder scheitere und in den alten, bequemen Trott zurückfalle.

Dieses Problem hat auch schon Martin Luther erkannt. Schon er wusste: Unsere guten Vorsätze werden immer auf der Strecke bleiben. Wir werden aus uns keine neuen Menschen machen können. In seinem Kleinen Katechismus sagt Luther: Das macht Gott für uns: „Aus lauter Gnade, ohne all mein Verdienst“ macht er mich täglich neu. Meine Sünden vergibt er mir „täglich und reichlich.“ Und zwar nicht nur einmal im Jahr, nicht nur, wenn die Schulhefte noch blütenrein und unverknickt sind, nein: täglich und reichlich. Und wenn jeder Tag ein Neuanfang ist, hat der Alltagstrott keine Chance, sehr alt zu werden. Dann darf ich mich mögen und mir etwas zutrauen, trotz und mit allen Tintenflecken und Eselsohren, die das Leben so produziert.

Ich wünsche allen Schulkindern einen möglichst unbelasteten Schulbeginn voll Vorfreude, Neugier und mit echten neuen Chancen. Ich wünsche allen Erwachsenen, die sie begleiten Geduld, Ausdauer und Humor. Und uns allen die Gewissheit: Gott liebt uns nicht trotz, sondern mit unseren Brüchen, Macken und Fehlern und wird uns immer wieder neu helfen, mit ihnen umzugehen.

Ihre Pfarrerin Ute Sauerbrey

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